IHK Nord Westfalen

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Dienstag, 22.05.2012

Seiten-Nummer: P02772

.Betriebliches Gesundheitsmanagement

Mitarbeiter fördern

Gesundheit als Führungsaufgabe

„Vor allem Gesundheit!“ Nichts wird häufiger gewünscht, gerade auch zum neuen Jahr. Die Gesundheit der Mitarbeiter ist nicht nur deren persönlicher Wunsch, sondern auch ein wirtschaftlich lohnendes Unternehmensziel.  

In der deutschen Wirtschaft geht es demnächst zu wie auf einer Ü-40-Party. Immer häufiger wird in den Unternehmen über Krankheiten geredet, über das Alter der Mitarbeiter, ihren Gesundheitszustand und ihre Fehlzeiten. Gründe für dieses Szenario gibt es genug. Bereits 2015 ist mehr als jeder dritte Erwerbstätige älter als 50 Jahre. Früher „in Rente gehen“ können nur noch die wenigsten von ihnen. Nicht nur, weil das Renteneinstiegsalter durch gesetzliche Änderungen kräftig angehoben worden ist: die jetzt 45-Jährigen sollen regulär arbeiten bis sie 67 sind. Die Älteren werden auch ganz schlicht und ergreifend gebraucht, um die Betriebe am Laufen zu halten. Schließlich rücken viel zu wenig junge Fachkräfte nach.

Die Demografiefalle schnappt zu: Während das Durchschnittsalter in Unternehmen derzeit bei 41 Jahren liegt, beträgt es 2050 etwa 55 Jahre. Langsam aber sicher älter werdende Belegschaften in Deutschland müssen sich gegen die globale Konkurrenz behaupten, insbesondere gegen die Schwellenländer mit ihrer jungen Bevölkerung. Dass dazu eine permanente Weiterbildung notwendig ist, die im Gegensatz zu früher auch die älteren Mitarbeiter nicht leichtfertig aus den Augen lässt, sondern mit speziell abgestimmten Angeboten „up-to-date“ hält, das ist weithin be- und auch anerkannt. Doch genau genommen ist das erst der zweite Schritt. Denn noch ist nicht einmal das Fundament für den dauerhaften Erfolg der deutschen Betriebe gesichert: die bloße Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter bis ins Rentenalter und ihre körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. In Zeiten der Frühverrentung war das kein großes Thema. Umso größer ist jetzt die Herausforderung, einen neuen Kurs zu fahren, der anderes Denken und andere Maßnahmen erfordert.

Verantwortung statt Frühverrentung

Wie groß diese Herausforderung ist, weiß Christian Ahlers, Regionalleiter der Initiative Gesunde Arbeit in Münster. Er und sein Team gehen in die Betriebe und betreiben Aufklärungsarbeit. Doch: „Nur etwa 15 Prozent der Unternehmen sehen in der Altersentwicklung ihrer Belegschaften ein zukünftiges personalwirtschaftliches Thema“, zitiert Ahlers ein Ergebnis aus einer Studie, das sich mit seinen eigenen Erfahrungen deckt.

Dabei hat die Zukunft doch längst begonnen. Zumindest für die Politik, die das Thema „Gesunde Arbeit“ ganz oben auf die Tagesordnung setzt. Und zwar auch auf die der Unternehmen. „Gesundheit am Arbeitsplatz bis zur Rente zu erhalten und zu fördern, ist heute ein bedeutender Wettbewerbsfaktor“, sagte der nordrhein-westfälische Arbeits- und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann Anfang Dezember bei der Nationalen Konferenz der Betriebskrankenkassen in Köln. Dabei gehe es um mehr als nur die Vermeidung von Krankheit. Noch mehr in die Pflicht genommen werden die Unternehmen von einer Expertengruppe, die sich unter Federführung des Bundesarbeitsministeriums mit dem Thema befasst: „Gesundheitsförderung und Prävention müssen als Führungsaufgabe wahrgenommen und fester Bestandteil unternehmerischen Handelns im Rahmen eines betrieblichen Gesundheitsmanagements werden“, heißt es unmissverständlich in einem Positionspapier.

„Die Umsetzung einer vorausschauenden (...) Gesundheitspolitik liegt in der Verantwortung der Betriebe“, schreiben die Autoren des Papiers weiter, „Unternehmen, Verwaltungen und Dienstleistungsorganisationen sollten zukünftig selbst mehr in das Wohlbefinden und die Gesundheit der Mitarbeiter investieren“. Und zwar nicht nur in die der älteren Mitarbeiter. Denn die Betriebe müssen auch mit einem wachsenden Leistungsdruck umgehen, der Mitarbeiter aller Altersklassen gleichermaßen trifft und zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen kann.

„Insbesondere chronischer Stress in der modernen Arbeitswelt ist ein ernsthafter Risikofaktor“, betonte der Chef der Deutschen Angestellten Krankenkasse, Herbert Rebscher, bei der Vorstellung des aktuellen Gesundheitsbarometers Ende November. „Alarmierend“ ist dabei die Entwicklung der psychischen Erkrankungen. Sie legten 2008 im Vergleich zum Vorjahr nach stetigem Anstieg noch einmal um acht Prozent überproportional zu. Zwischen 1998 und 2008 war ihr Anteil am Krankenstand auf fast elf Prozent gewachsen. Obendrein verursachen die psychischen Erkrankungen nach dem aktuellen AOK-Fehlzeitenreport mit durchschnittlich 22,5 Tagen die längsten Ausfallzeiten. Und: Mit steigendem Alter nimmt die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen zu, jede dritte Frührente geht darauf zurück. „Die Erkrankung stellt sowohl für Betroffene als auch für das Unternehmen eine große Belastung dar“, unterstreicht das Wissenschaftliche Institut der AOK (WidO).

Chef- statt Privatsache

Gesundheit und Krankheit entwickeln sich von der Privat- zur Chefsache. Doch noch sieht die Situation in den Betrieben trotz wieder steigender Fehlzeiten anders aus. „Mehr als ein Viertel der kleinen und mittelständischen Betriebe mit 50 bis 150 Beschäftigten gewährleisten nicht einmal eine gesetzlich vorgeschriebene betriebsärztliche Betreuung“, erläutert Christian Ahlers die Ausgangssituation. 25 Prozent aller Unternehmen, sagt er, setzen keine Maßnahmen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz um. Lediglich ein Drittel aller Unternehmen kennt den Begriff „betriebliches Eingliederungsmanagement“, weitaus weniger die damit verbundene gesetzliche Regelung im § 84 des Neunten Buches des Sozialgesetzbuches (SGB IX). Dieser Präventionsparagraph gilt als Heimat und gesetzlicher Hebel für die Einführung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Die große Mehrheit der Unternehmen also ist von dem von der Politik gewünschten Zustand noch weit entfernt. Selbst dort, wo es dem Namen nach vorhanden ist, kann „von einem funktionierenden Gesundheitsmanagement meist nicht die Rede sein“, urteilt der Sportwissenschaftler Klaus Westhoff aus Lengerich. Zwar hätten größere Konzerne oft einen Fitnessraum, sagt er, doch mangele es oft an der ganzheitlichen und vor allem langfristigen Strategie.

Mit System

Betriebliches Gesundheitsmanagement „muss vor allem systematisch betrieben und von allen getragen werden“, sagt auch Christian Ahlers ultimativ, „ein einzelnes Massageangebot bringt da wenig“. Mit „systematisch“ meint er den Kreislauf von fünf Schritten: Ziele definieren, Ist-Analyse durchführen, Strategie festlegen, Maßnahmen umsetzen und die Ergebnisse bewerten. Nur dann sei das Ganze für alle transparent, wirtschaftlich messbar und dadurch auch langfristig auf sichere Beine gestellt. Doch er weiß selbst: „Etwa die Hälfte der kleinen und mittelständischen Unternehmen führt nicht einmal eine systematische Fehlzeitenerfassung durch.“ Er meint das nicht als Vorwurf, will nur keine falschen Erwartungen wecken.

Für Fachleute gilt deshalb inzwischen die Verankerung des betrieblichen Gesundheitsmanagements als zentrale Führungsaufgabe als wichtigste Voraussetzung, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen. Die CONCERT GmbH aus Pritzwalk (Brandenburg) hat das konsequent getan. Das Betriebliche Gesundheitsmanagement, für das das Unternehmen den Bundespreis Arbeitssicherheit/Gesundheitsschutz erhalten hat, läuft hier nicht nebenher, es ist fester Bestandteil des „integrierten Personalmanagements“.

Alle Führungskräfte wurden intensiv geschult und dadurch das (Ein-) Verständnis hergestellt, dass der Erfolg des Gesundheitsmanagements „neben der täglichen Suche nach mehr Effektivität einen gleichberechtigten Stellenwert für die Bestandsentwicklung und -sicherung“ des Unternehmens hat. Entsprechend darf das betriebliche Gesundheitsmanagement „gern Geld kosten, muss aber auch einen Nutzen erwirtschaften“, sagt CONCERT-Geschäftsführer Torsten Gärtner. Dieser Nutzen lässt sich zunächst einmal an blanken Zahlen ablesen. Die Krankenrate ging von 2006 bis 2008 um über 21 Prozent zurück, während die Produktion im gleichen Zeitraum und bei gleichem Personalbestand um über 15 Prozent stieg.

Fehlzeiten sind bares Geld, aber auch die eingeschränkte Arbeitsfähigkeit kommt Unternehmen meist teuer zu stehen. Ein amerikanischer Chemiekonzern hat einmal ausgerechnet, was ihn die Krankheiten seiner Mitarbeiter insgesamt kosten: es sind rund 11 Prozent der Personalkosten, die durch krankheitsbedingte Fehlzeiten und krankheitsbedingte eingeschränkte Arbeitsfähigkeit verursacht werden. . Das ist der Punkt, an dem Ahlers meist eine Grafik vorlegt, die beweist, wie das betriebliche Gesundheitsmanagement wirkt. Das Kurvendiagramm zeigt den altersabhängigen Verlauf der Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten. Werden keine Maßnahmen ergriffen, sinkt die Arbeitsfähigkeit bis zum Pensionsalter bis zur Stufe „schlecht“. Bei individueller Gesundheitsförderung steigt die Arbeitsfähigkeit bis zum Alter von 55 noch einmal an, sinkt danach aber bis zur Stufe „mäßig“, während bei einem systematischen betrieblichen Gesundheitsmanagement auch beim Eintritt in das Pensionsalter die Arbeitsfähigkeit auf dem Niveau „gut bis sehr gut“ gehalten werden kann, das auch schon mit 45 Jahren erreicht war.

Vorteile

Nach einer Studie des Bundesverbandes der deutschen Betriebskrankenkassen liegt der „return on investment“ von Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung bei einem Verhältnis von 1:3. Darin enthalten sind nicht allein die direkt messbaren Ergebnisse, die für viele Unternehmen noch immer im Vordergrund stehen. Doch neben einer höheren Produktivität und niedrigeren Personalkosten ergibt sich auch ein spürbarer Gewinn durch die steigende Attraktivität als Arbeitgeber. Die wiederum führt zu geringeren Kosten für die Gewinnung neuer Mitarbeiter: einerseits durch eine niedrige Mitarbeiterfluktuation, andererseits durch Initiativbewerbung aufgrund des positiven Images als ein Arbeitgeber, der sich vorbildlich um seine Mitarbeiter kümmert.

Positive Wirkung hat das betriebliche Gesundheitsmanagement deshalb vor allem auf das Betriebsklima und die Mitarbeitermotivation. Und wenn der Teamgeist erwacht, gerät der „innere Schweinehund“ schnell in die Defensive. Der hat bei Einzelkämpfern meistens leichtes Spiel, ihre sportlich ambitionierten Vorsätze zur Gesundheitsvorsorge nach kurzer Hochphase wieder im Sande verlaufen zu lassen. Doch bei einem systematischen Gesundheitsmanagement gibt es im positiven Sinne wohl kein Entkommen. Sport ist „im Verein“ eben doch am schönsten.

Guido Krüdewagen

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