IHK Nord Westfalen

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Samstag, 04.02.2012

Seiten-Nummer: P00065

.Schienenpersonenfernverkehr

(Foto: Jan Kranendonk - Fotolia.com)

Weiterentwicklung für Wirtschaft

Runter vom Abstellgleis!

Immer seltener machen Intercity-Züge in Münster, Recklinghausen und Gelsenkirchen Station. Der Rückzug des Schienen- personenfernverkehrs schwächt die Wirtschaftsregion Nord-Westfalen.

Die Weiterentwicklung des Schienen- personenfernverkehrsist eine wichtige Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung der Region Nord-Westfalen, denn eine gute Einbindung in das Fernverkehrsnetz der Deutschen Bahn ist für viele Unternehmen ein harter Standortfaktor. Deshalb darf dieRegion nicht tatenlos zuschauen, wenn Nord-Westfalen im Schienenpersonenfernverkehr auf das Abstellgleis geschoben wird. Die IHK wird sich daher auch weiterhin für eine leistungsfähige Integration Nord-Westfalens in das Fernverkehrsnetz der Deutschen Bahn engagieren.

Münster: Angebot halbiert

Die Deutsche Bahn AG (DB AG) hat es zuletzt nicht gut gemeint mit der Region Nord-Westfalen. Kontinuierlich dünnte sie in den vergangenen zehn Jahren das Fahrplanangebot im ICE- und IC-Verkehr aus und verschlechterte die Erreichbarkeit des Münsterlandes, aber auch der Emscher-Lippe-Region nachhaltig. Vergleicht mandie Anzahl der heute stündlich den Hauptbahnhof Münster anfahrenden Fernverkehrszüge mit dem Angebot aus dem Jahr 2000, wird die Schwächung augenscheinlich:Das Zugangebot hat sich nahezu halbiert.

Verwunderlich eigentlich. Die Angebotskürzung steht im krassen Gegensatz zur hohen Bedeutung, die Münster als wichtige Universitäts-, Verwaltungs- und Kongressstadt besitzt. Universität und Fachhochschulen, viele weitere Behörden, aber auch die hier ansässigen Banken- und Versicherungszentralen sind darauf angewiesen, dass sie mit den anderen deutschen Wirtschaftsräumen komfortabel und schnell verbunden sind. Auf den Fernverkehr der Deutschen Bahn können sich Geschäftsleute, Studierende, Forscher oder Staatsdiener aber immer weniger verlassen – wie übrigens auch die Touristen, die gutes Geld in Münster und im Münsterland lassen.

Vest: Ausdünnung geplant

Angebotseinbußen mussten in den vergangenen Jahren auch die beiden Fernverkehrsbahnhöfe im Vest, Recklinghausen und Gelsenkirchen, hinnehmen. Beide Städte waren zu Beginn des Jahrzehnts noch an drei Fernverkehrslinien angeschlossen, die jeweils im Zwei-Stunden-Takt Station machten. Heute werden beide Städte nur noch alle zwei Stunden von einer IC-Linie angefahren. Und die Ausdünnung des Angebots soll noch weitergehen, hat die Bahn bereits angekündigt.

Wo liegen die Ursachen für diese besorgniserregende Entwicklung? Die DB AG führt die unbefriedigende Auslastung der Züge als Grund für Angebotsstreichungen an. Tatsächlich gab es Zeiten, in denen die Bahn Kunden verloren hat – auch in unserer Region. Häufig waren jedoch hausgemachte Probleme ursächlich – erinnert sei zum Beispiel an zahlreiche Veränderungen des Preissystems, welche für viele Reisenden einfach nicht mehr durchschaubar waren, aber auch an massive Verspätungshäufungen, die dazu geführt haben, dass die Bahn ihr früheres Image als zuverlässiges Verkehrsunternehmen zwischenzeitlich weitgehend eingebüßt hatte.

Ein weiterer Grund für das Streben der DB nach einer Reduzierung der Fernverkehrsangebote liegt offensichtlich in einem eklatanten Mangel an zeitgemäßer Zugtechnik. Seitdem die Vision vom Börsengang der Bahn Ende der 90er Jahre konkrete Formen angenommen hatte, wurden vom Konzernvorstand alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Kosten zu reduzieren und längst überfällige Ersatzinvestitionen in die Erneuerung der Fernverkehrszüge wieder und wieder zu verschieben. Gleichzeitig stieg der Erhaltungs- und Reparaturaufwand an den überalterten Lokomotiven und Waggons exorbitant an. So blieb aus Sicht der Bahn nur eine Ausdünnung der Verkehre – bevorzugt abseits der Ballungsräume, wo dann das Argument der unbefriedigenden Auslastung gerne vorgeschoben wurde, um von eigenen Versäumnissen abzulenken.

Vom Fortschritt abgekoppelt

Blickt man über die Region hinaus, wird deutlich, dass nicht nur das Münsterland und die Emscher-Lippe-Region, sondern der gesamte nord-westdeutsche Raum in den vergangenen drei Jahrzehnten von den technischen Weiterentwicklungen im Bereich der Schieneninfrastruktur, aber auch der Modernisierung der Zugflotte abgehängt wurde. Während in den 80er und 90er Jahren in vielen Teilen Deutschlands Neu- und Ausbaustrecken konzipiert und gebaut wurden, ging die Metropolenverbindung „Rhein/Ruhr–Hamburg“ leer aus. Und auch das seit mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnten eingeführte Top-Produkt der DB, der ICE, gab zwischen 2003 und 2005 nur ein kurzes Gastspiel zwischen Ruhr und Alster. Heute verkehren bis auf wenige Ausnahmen weiterhin rund 30 Jahre alte, mühsam aufgemöbelte IC-Wagen auf der Strecke Ruhrgebiet-Hamburg, ein Zustand, der bezogen auf Metropolverbindungen deutschlandweit seinesgleichen sucht und besonders bei Geschäftsreisenden zunehmend auf Unverständnis stößt.

Mehr Komfort und Tempo

Als Sofortmaßnahme fordert die IHK Nord Westfalen einen schrittweisen Ersatz der veralteten, lokbespannten IC/EC-Züge durch moderne ICE-Garnituren. Die Realisierung droht jedoch am Mangel geeigneter ICE-Einheiten zu scheitern. Immerhin: Die Bahn hat zugesagt, die Verbindung Ruhrgebiet–Münster–Hamburg als Pilotstrecke für den Einsatz des Nachfolgesystems der IC-Züge, des sogenannten ICE-X vorzusehen. Mit der Umstellung ist jedoch frühestens zum Fahrplanwechsel 2013/2014 zu rechnen.

Darüber hinaus wurde auf der Grundlage eines Gutachtens unter Federführung der IHK Nord Westfalen ein gemeinsames Positionspapier der Handelskammern Bremen und Hamburg sowie der IHKs Dortmund,Nord Westfalen, Oldenburg und Osnabrück-Emsland erarbeitet, um die Notwendigkeit der Weiterentwicklung des Schienenpersonenfernverkehrs im Nord-West-Korridor (Hamburg–Bremen–Osnabrück–Münster-Ruhrgebiet) zu unterstreichen.

Die Bestandsanalyse zeigt, dass die Verkehrsverbindungen zwischen Hamburg und Rhein/Ruhr im Vergleich zu anderen Metropolverbindungen in Deutschland deutlich unterentwickelt sind. Verbesserungen der Infrastruktur und das Komforts haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten so gut wie nicht stattgefunden. Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit auf der Strecke Hamburg–Dortmund beträgt 122 Kilometer pro Stunde und liegt damit deutlich unter dem Durchschnittstempo des Fernverkehrs zwischen Hamburgund Berlin, Köln und Frankfurt oder München und Nürnberg. Auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken dort sind die Züge bis zu 300 Kilometer pro Stunde schnell, wodurch die Reisezeiten auf diesen Metropolverbindungen deutlich verkürzt werden konnten.

Nur eingleisig

Der nur eingleisige Streckenabschnitt Münster–Lünen (–Dortmund) ist ein weiteres Problem auf der Metropolachse Hamburg–Münster–Ruhrgebiet. Störungen im Betriebsablauf und daraus resultierende Zugverspätungen sind ein ständiges Ärgernis. Die Planung und schnellstmögliche Umsetzung des zweigleisigen Ausbaus auf diesem Abschnitt ist darum ein weiterer wichtiger Schritt zur Verbesserung des Schienenpersonenfernverkehrs im Nord-West-Korridor. Die Deutsche Bahn wird aufgefordert, die Planungen für den zweigleisigen Ausbauschnellstmöglich aufzunehmen. An den Bund und das Land NRW wird appelliert, eine finanzielle Lösung im Zusammenhang mit den Finanzierungsvereinbarungen zum geplanten Rhein/Ruhr-Express (RRX) zusuchen.

Als weitere Konsequenz aus dem Gutachten fordert die IHK Nord Westfalen das Bundesverkehrsministerium und die Deutsche Bahn auf, kurzfristig zu prüfen, inwieweit zwischen dem Ruhrgebiet und Hamburg durch kleinere Infrastruktur- oder Sicherungsmaßnahmen auf der vorhandenen Strecke die Höchstgeschwindigkeit auf 230 Kilometer pro Stunde gesteigert werden kann. In Verbindung mit dem ab 2013/14 geplanten Einsatz der neuen ICE X-Einheiten könnte somit mit begrenztem finanziellem Aufwand eine Fahrzeitverkürzung von elf Minuten auf der Strecke Hamburg–Ruhrgebiet realisiert und der Komfort für die Reisenden insgesamt deutlich erhöht werden.

Viele der vorgenannten Probleme könnten sich in Luft auflösen, wenn es auch im Fernverkehr nicht nur die DB AG, sondern einen funktionierenden Wettbewerb auf der Schiene gäbe. Die durch den Markteintritt verschiedener Privatbahnen erreichten Verbesserungen im Nah- und Regionalverkehr zeigen, welche Qualitätssteigerungen auch im Schienenverkehr möglich sind,wenn mehrere Anbieter um Marktanteile streiten. Bis dahin ist es jedoch im Fernverkehrwohl noch ein weiter Weg.

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