IHK Nord Westfalen

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Dienstag, 22.05.2012

Seiten-Nummer: P02444

.Leitprojekt: Talente binden - Unternehmerlücke schließen

(Foto: olly- www.fotolia.com)

Selbstverwirklicher gesucht

Talente beflügeln!

von Prof. Dr. Bodo Risch, erschienen im Wirtschaftsspiegel Oktober 2009

Maschinen kann man kaufen. Menschen muss man gewinnen. Die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft Nord-Westfalens hängt maßgeblich davon ab, wie gut es gelingt, Talente an die Region zu binden und die Unternehmerlücke zu schließen.

Seit Beginn der industriellen Revolution vor rund 200 Jahren, die das Gesicht der Welt verändert hat, sind es Unternehmer, die ständig neue Lösungen für unsere alten Probleme geschaffen und am Markt getestet haben. Schon früh hatte das Karl Marx in seinem Kommunistischen Manifest beschrieben, das ein mitreißendes Hohelied auf die revolutionäre Kraft des Unternehmertums ist. Damals wie heute verbinden erfolgreiche Unternehmer Innovationsfreude mit strikter Kundenorientierung und konservativer Finanzierung. Das hat die Untersuchung „Siegerstrategien im deutschen Mittelstand“ von Ernst & Young erneut bestätigt, und viele Beispiele aus Nord-Westfalen belegen dies nachhaltig. Ohne starke Unternehmerpersönlichkeiten mit „fixen Ideen“ wären Unternehmen wie Coppenrath & Wiese, Seepex, Hengst, tobit, Wessling, lichtgitter, agn, d.velop und viele andere nicht entstanden – und hätten auch nicht die Arbeitsplätze geschaffen, die wir uns alle erhoffen.

Selbstverwirklicher gesucht

Unternehmer sind gleichsam der Humus für den Wohlstand unserer Gesellschaft. Dabei ist es nur ein kleiner Teil, der Unternehmer sein kann oder will – die IHK hat ausgerechnet, dass unter den rund 2,6 Millionen Einwohnern Nord-Westfalens gerade einmal 75 000 Unternehmer sind (ohne Freiberufler und Landwirte). Das sind lediglich drei Prozent der Bevölkerung!

Die geringe Zahl steht in krassem Gegensatz zur Bedeutung – und die Gesellschaft hat ein überragendes Interesse daran, dass der Nachwuchs an solch starken „Selbstverwirklichern“ gesichert bleibt. Dabei sind die Hürden auf dem Weg zur eigenen Existenz oftmals entmutigend – von steuerlichen, gewerberechtlichen und sonstigen bürokratischen Auflagen bis hin zur Beschaffung des Startkapitals lauern zahlreiche Fallen, die das schnelle Aus bedeuten können.

Hinzu kommt für die Zukunft noch die Demografie: zwei Drittel aller Existenzgründer sind unter 40 Jahre. Man gründet ein neues Unternehmen nicht im Großvateralter. Aber gerade diese tragende Altersgruppe nimmt bis 2050 um fast ein Drittel ab, wie man anhand des Online-Demografie-Rechners des Statistischen Bundesamtes nachrechnen kann. Das heißt: Nord-Westfalen fehlen in der nächsten Generation mindestens 2.000 Gründer pro Jahr gegenüber heute - eine Unternehmerlücke, die sich in einem Defizit an Arbeits- und Ausbildungsplätzen, an neuen Ideen und Einkommenschancen niederschlagen wird.

Dauerproblem Fachkräftemangel

Noch eine weitere Herausforderung wird immer schmerzlicher spürbar werden: Der Mangel an Fachkräften ist trotz Krise schon heute in vielen Branchen ein Dauerproblem oder wird es wieder werden, wenn die Wirtschaft erneut Fahrt aufnimmt. Mit der Alterung der Belegschaften scheiden derzeit im Münsterland und in der Emscher-Lippe-Region etwa 4000 Arbeitnehmer aus demografischen Gründen zusätzlich aus dem Erwerbsleben aus. Jahr für Jahr, und das mit von nun an unablässig steigender Tendenz.

Deshalb wird eines der Hauptthemen regionaler Wirtschaftsförderung darin bestehen, junge Talente aus den Hochschulen, angehende Führungskräfte und gut ausgebildete Fachkräfte in der Region zu halten. „Brain Gain“ ist das Schlagwort – in vielen Unternehmen zeigt sich das Umdenken bereits heute darin, dass die interne Wertigkeit der Personalabteilungen deutlich gestiegen ist. Denn hier liegt das Gold der Zukunft – die Mannschaft macht den Unterschied, Maschinen kann man kaufen.

Region besser verkaufen

Für das Ruhrgebiet mit seinen wahrgenommenen Imagedefiziten, aber auch für das eher ländlich-periphere Münsterland bedeutet das einen Startnachteil gegenüber anderen „coolen“ Ballungsräumen, die mehr Lebensqualität und schnelleren Aufstieg in Großkonzernen verheißen. Sie müssen sich besonders um ein besseres Regionalmarketing bemühen, sich attraktiv machen für mobile Fach- und Führungskräfte, die nicht kommen müssen, weil sie im Zweifel die Wahl haben. Und nicht zuletzt müssen die Lebenspartner überzeugt werden, dass es sich lohnt und kein Abstieg ist, in Nord-Westfalen zu leben und zu arbeiten. Wie viele Ingenieure der TH Karlsruhe sind wohl in den letzten Jahren mit Familie ins Münsterland gezogen?

Aus diesen verschiedenen Gründen hat die Vollversammlung der IHK Nord Westfalen auch die Ziele „Talentbindung verbessern und Unternehmerlücke schließen“ mit in den Katalog der zwölf zentralen Vorhaben aufgenommen, die mittelfristig zur Weiterentwicklung der Region beitragen sollen. Einige wichtige Meilensteine wurden erreicht: die Gründung verschiedener An-Insitute an Hochschulen der Region zum besseren Wissenstransfer, der enge Schulterschluss mit den Technologietransferstellen, die Gründung zertifizierter StarterCenter, ein Mentoren-Netzwerk für Gründer sowie ein Nachfolger-Club zur möglichst reibungslosen Übergabe von Betrieben im Generationenwechsel.

Lust auf eigenes Unternehmen

Für die Zukunft hat sich die IHK – im Verbund mit vielen Kooperationspartnern in der Region – vorgenommen, die Gründungskultur weiter zu verbessern. Ziel muss es sein, mehr „Selbstverwirklicher“ gegenüber reinen „Existenzsicherern“ zu gewinnen. Dazu gehört dann auch, die soziale Wertschätzung von Unternehmern in der Gesellschaft zu erhöhen. Eine wichtige Zielgruppe sind die Hochschulabsolventen. Sie müssen schon während des Studiums Lust bekommen auf das Unternehmertum.

Wünschenswert wäre es auch, die Einstellungsbereitschaft mittelständischer Betriebe für Akademiker zu erhöhen – ein Mittel dazu ist eine noch engere Kooperation zwischen Hochschulen und Wirtschaft, aber auch die Ausbildung im Rahmen der IHK-Verwaltungsakademie, die hälftig im Betrieb stattfindet und mit einem Bachelor abschließt. Die praktische Erkenntnis muss auf beiden Seiten wachsen, dass sowohl Unternehmen wie junge Akademiker gewinnen, wenn die Zukunft in der Region bleibt.

Bodo Risch

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