.Leitprojekt: Bildung als zentrales Zukunftsthema verankern!

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Bildung
Unser wertvollstes Kapital
von Michael Vornweg, erschienen im Wirtschaftsspiegel Oktober 2008
In einem Land, das über keine nennenswerten Rohstoffe verfügt, ist Bildung das wertvollste Kapital einer leistungsfähigen Gesellschaft. Jedes erfolgreiche Unternehmen braucht gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte.
In diesen Monaten haben im Bezirk der IHK Nord Westfalen wieder einige tausend Jugendliche ihre Ausbildung in einem der über 350 anerkannten Ausbildungsberufe begonnen. Die Zahl der neu eingetragenen Berufsausbildungsverhältnisse stieg im Vergleich zum vergangenen Jahr, als ein Plus von 14 Prozent erzielt wurde, noch einmal an. Gleichzeitig nahm die Zahl der ausbildenden Unternehmen zu.
Der Ausbildungsstellenmarkt verändert sich. Die Zahl der angebotenen Aus bildungsstellen nimmt zu, die Zahl der ausbildungsplatzsuchenden Jugendlichen ab. Damit verlagern sich die Brennpunkte der politischen Diskussion. Über viele Jahre dominierten Schlagworte wie Ausbildungsplatzabgabe, Warteschleife und fehlende Perspektive der Jugendlichen den bildungspolitischen Diskurs. Heute stehen Fachkräftemangel und Ausbildungsreife im Fokus. Gleichwohl: Um allen ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Jugend lichen ein Ausbildungsangebot machen zu können, sind weitere Anstrengungen erforderlich.
Ausbildungsreife
Die PISA-Untersuchungen haben uns alle vor Augen geführt, dass im Bildungs bereich sicherlich noch ein erhebliches Verbesserungspotenzial zu finden ist. Die Bundesrepublik Deutschland kann es sich nicht erlauben, dass über 20 Prozent der Jugendlichen über keine oder eine nicht ausreichende Ausbildungsreife verfügen.
Zwar sind seit der ersten PISA-Untersuchung einige erfolgreiche Entwicklungen in Gang gesetzt worden, um die Misere zu überwinden. Es ist gut, dass der Übergang von Schule zum Beruf verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit und auch der Politik gekommen ist. Landesweit werden Kooperationspartnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen geschlossen und in den allgemeinbildenden Schulen sind Berufswahlkoordinatoren benannt und qualifiziert worden.
Trotz dieser erfreulichen Ansätze: Unser schulisches Bildungswesen ist keineswegs topp. Es liegt noch ein hartes Stück Arbeit vor uns. Denn jedes zweite Unternehmen in Deutschland, so das Ergebnis einer aktuellen Befragung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), sieht in der mangelnde Ausbildungsreife von Schul abgängern das mit Abstand wichtigste Ausbildungshemmnis.
Fachkräftemangel
Nach den statistischen An gaben werden in den kommenden Jahren weniger Jugend liche einen Ausbildungsplatz suchen. Gleichzeitig stehen die Unternehmen vor der Herausforderung des Fachkräftemangels. Die Zahl der Beschäftigten, die altersbedingt die Unternehmen verlassen, nimmt zu, so dass die Unternehmen verstärkt Nachwuchskräfte auf der Fachar beiterebene, aber auch im Ingenieurbereich suchen. Der sich abzeichnende Fachkräftemangel ist eine Ursache dafür, dass die Unternehmen verstärkt in die Ausbildung investieren.
Die Herausforderung in den nächsten Jahren wird darin bestehen, das Problem der langfristigen demografischen Entwicklung zu bewältigen. Fest steht, dass innerhalb der nächs ten zehn Jahre die Zahl der Leistungsträger im Alter zwischen 35 bis 45 Jahren um 2,5 Millionen schrumpft. Der Anteil der 15- bis 25-Jährigen sinkt in den kommenden 20 Jahren um 2,0 Millionen.
Gut qualifizierte Fach- und Führungskräfte sind für jeden Betrieb wichtig, sie sind aber auch für unsere gesamte Region von herausragender Bedeutung. Wir dürfen nicht verkennen: Bildung ist ein echter Wirtschaftsfaktor und zugleich Herausforderung und Chance. Denn nur aus Bildung und Wissen entsteht Innovation und Innovation garantiert Wachstum.
Die demografische Entwicklung zwingt dazu, alle Bildungspotenziale auszuschöpfen. Investitionen in Bildung ersparen spätere, höhere Ausgaben für Arbeitslosigkeit und soziale Integration. John F. Kennedy hat einmal gesagt: „Es gibt nur Eines, was auf Dauer teurer ist als Bildung – keine Bildung“. Diese Aussage war damals richtig und ist es heute erst recht.
Die IHK Nord Westfalen misst der beruf lichen Bildung und der beruflichen Quali fizierung einen hohen Stellenwert bei. Beides muss gefördert und ausgebaut werden, damit die Betriebe die Herausforderungen des Fachkräftemangels meistern können.

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Baustein 1: Duale Berufsausbildung
Bei der Bewältigung des sich abzeichnenden Fachkräftemangels können wir auf dem Fundament der dualen Berufsausbildung weiter aufbauen. Die duale Berufsausbildung mit ihrer engen Verzahnung zwischen Ausbildungs- und Beschäftigungssystem ist ein Erfolgsmodell, um das uns andere Staaten beneiden. Wenn die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland geringer ist als in Nachbarstaaten, so trägt diese Verzahnung dazu wesentlich bei.
Daher gilt: Wir müssen die duale Berufsausbildung mit der engen Verbindung von Ausbildungs- und Beschäftigungssystem erhalten und stärken. Gleichwohl müssen wir sie aber auch modernisieren und anpassen. Die sich abzeichnende „Qualitätslücke“, die sich darin zeigt, dass Betriebe keine geeigneten Jugendlichen und Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden, ist Herausforderung und Ansporn zugleich.
Durch die Neuordnung und Modernisierung von Ausbildungsberufen ist das Spektrum der Ausbildungsmöglichkeiten kontinuierlich erweitert worden. Die damit verbundene Differenzierung sowie zurückgehende Schülerabgangszahlen erschweren aber einen betriebsortnahen Berufschul unterricht. Die zum Teil überfrachteten Ausbildungspläne haben zur Folge, dass ein Unternehmen allein die Fülle der Anforderungen an Ausbildungsberufe nicht immer bewältigen kann. Hier gilt es, Lösungsansätze zu entwickeln.
Einen neuen Weg zeigt das Reformmodell „Dual mit Wahl“ auf. Das Modell hält an der Ausbildung in Berufsschule und Betrieb fest, passt diese aber flexibler den betrieb lichen Belangen an. Dabei werden innerhalb der ersten ein bis zwei Jahre so genannte Kernkompetenzen vermittelt. Die Ausbildung in dieser Phase verläuft in ähnlichen und verwandten Berufen gleich. Damit erreicht man nicht nur mehr Durchlässigkeit zwischen den Berufen, sondern vergrößert auch die Möglichkeiten, betriebs ortnahen Berufsschulunterricht anbieten zu können. Auf die Kernkompetenzen bauen die Profil gebenden Kompetenzen auf. Der Vorteil für die Unternehmen und die Jugendlichen: Die Ausbildung wird passgenauer. Am Prinzip einer breit angelegten und fundierten beruflichen Ausbildung wird nicht gerüttelt.
„Dual mit Wahl“ eröffnet den Leistungsschwächeren zusätzliche Chancen und bietet den Leistungsstärkeren durch die Vermittlung von Zusatzqualifikationen Anreize. Während der Ausbildung begonnene Zusatzqualifikationen ermöglichen eine enge Verzahnung mit der Weiterbildung und dem lebensbegleitenden Lernen.

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Baustein 2: Weiterbildung
Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft gehört für die Unternehmen die persön liche und fachliche Kompetenz von Füh rungskräften und Fachkräften zu den wichtigsten Voraussetzungen für Wettbewerbsfähigkeit. Sie müssen in Zukunft noch mehr auf die konsequente Nutzung des „Rohstoffes Wissen“ setzen, um im Wettbewerb zu bestehen. „Bildung und daraus entstandenes Wissen sind unsere Rohstoffe für die Zukunft, und zwar unsere wertvollsten“, stellte unlängst Siemens-Chef Peter Löscher fest.
Die Herausforderungen der Zukunft betreffen Unternehmen und Beschäftigte gleichmaßen:
- Die Unternehmen, weil sie ihre Fachkräfte auf die sich wandelnden Anforderungen vorbereiten und gleichzeitig den Verlust hochqualifizierter Fachkräfte aufgrund der demografischen Entwicklung kompensieren müssen
- Die Beschäftigten, weil sie sich den neuen Qualifikationsanforderungen stellen müssen.
Das lebensbegleitende Lernen ist die zentrale Antwort auf sich verändernde Märkte, Qualifikationen und Arbeitsplätze. Ohne lebensbegleitendes Lernern kein lebensbegleitendes Arbeiten!
Bildungsausgaben sind langfristig wirkende Investitionen mit einem hohen Return on Investment. Das müssen die Unternehmen sehen und das Motto „Karriere mit Lehre und Weiterbildung“ umsetzen. Doch trotz der insgesamt großen Zustimmung zur Idee des lebensbegleitenden Lernens vermeidet bisher rund ein Viertel der Erwerbsbevölkerung jegliches Engagement in der Weiterbildung. Wir müssen alle dazu beitragen, dass die Schwelle zur Weiterbildung verringert wird.

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Baustein 3: Verzahnung von Studium und Ausbildung
In Deutschland sind berufliche Bildung und Hochschulbildung nicht miteinander verzahnt. Generell ist der Zugang zum Studium für Praktiker mit Berufsabschluss zwar möglich. Die Regelungen sind aber zu restriktiv. Mehr Durchlässigkeit in beide Richtungen ist notwendig: aus der betrieblichen Praxis in die Hochschule und von der Hochschule in die betriebliche Aufstiegsfortbildung. Dabei ist eine Vernetzung mit ausbildungsbegleitenden Stu dien gängen aufzubauen. Die Wirtschaft braucht die gegenseitige Anerkennung und Anrechnung von Leistungen, die in der allgemeinen und beruflichen Bildung geschaffen werden, damit die Unternehmen ihr Know-how schneller weiterentwickeln können und wettbewerbsfähig bleiben.
Dabei darf nicht vergessen werden: Bildung hat längst eine globale Ausrichtung bekommen. In der europäischen Bildungs politik ist der Zug in voller Fahrt. Das Ziel, ein „Europäischer Qualifikationsrahmen“ (EQR), ist bereits erreicht, er ist formell in Kraft getreten. Der EQR soll dazu dienen, die zukünftige europäische Kooperation in der beruflichen Bildung voranzutreiben und die nationalen Berufsbildungssysteme weiter zu entwickeln. Er soll helfen, dass Qualifikationen und Abschlüsse vergleichbarer und verständlicher gemacht werden. Die Menschen in Europa, die für eine Ausbildung oder aus beruflichen Gründen in ein anderes Land gehen, sollen auf weniger Hindernisse treffen.
Die Schaffung eines Europäischen Qualifikationsrahmens ist sinnvoll. Er übt Druck auf notwendige Reformen aus und verlangt in den EU-Staaten auch die Festlegung kompatibler nationaler Qualifizierungs rahmen. So kann europäisches Konzept einen entscheidenden Beitrag zur europaweiten Mobilität von Arbeitnehmern leis ten. Denn gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung ist es von herausragender Bedeutung für die Wirtschaft, dass Arbeitnehmer und Unternehmer mit den benötigten beruflichen Kompetenzen zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar sind
Die berufliche Aus- und Weiterbildung steht vor großen Herausforderungen. Wenn es gelingt, die betriebliche Ausbildung zu stärken und somit Fachkräfte zu sichern und die berufliche Weiterbildung als ge eignete Antwort auf den Fachkräftemangel der Betriebe aufzuwerten, kann sie zur Sicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit wesentlich beitragen.
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