IHK Nord Westfalen

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Montag, 21.05.2012

Seiten-Nummer: P02164

.Leitartikel Netzwerke

Chancen und Risiken von Netzwerken

Nur nicht verheddern

„Networking“. Einige Unternehmer, denen es regelrecht Spaß macht, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, schreiben es inoffiziell schon mit doppeltem „t“. Für andere ist es eher eine Pflicht, um das Geschäft anzukurbeln. So oder so, (fast) immer ist es buchstäblich ein Gewinn, im Netzwerk zu arbeiten.

Die Erde ist flacher geworden. Auch für Werbeagenturen. Mit der Globalisierung und der zunehmenden Nachfrage nach grenzübergreifender Kommunikation stand Thomas Hans irgendwann vor der Frage, ob er eigene Büros im Ausland aufbauen soll oder sich kompetente Partner auf den wichtigsten Märkten sucht, um die Aufträge seiner immer internationaler agierenden Kunden weiterhin effizient erfüllen zu können. Vor allem Osteuropa hatte er im Visier.

„Für eine kleine Agentur wie uns“, sagt der Chef der pro art werbeagentur aus Emsdetten, „war schnell klar, dass der Aufbau einer eigenen Struktur im Ausland uns schon finanziell überfordern würde“. Also suchte Thomas Hans Partner und verrät: „Das kann man über die IHK oder die Auslandshandelskammern oder im Fall unserer Branche auch über die Teilnahme an internationalen Treffen oder die Siegerlisten von Wettbewerben erledigen“. Hans hatte Glück. Er musste nicht lange und mühsam einzelne Firmen suchen. Das Netzwerk, auf das er bei seiner Recherche stieß, bestand schon einige Jahre. Es heißt „commworld“ und hat heute über 20 Mitglieder in etwa ebenso vielen Ländern Europas - von den baltischen Staaten über den Balkan bis zur Iberischen Halbinsel.

Kompetenzgewinn

Hans ist derzeit Präsident von commworld und unterstreicht damit den Nutzen des Netzwerks, von dem er überzeugt ist. Nicht nur der Zugang zu neuen Märkten sei dadurch erleichtert worden. „Wir haben mit einem Schlag enorme interkulturelle Kompetenz gewonnen“, denn eine Einheitswerbung, die in allen europäischen Ländern oder gar darüber hinaus mit Erfolg wirkt, gibt es nicht. „Jedes Land braucht seine eigene Ansprache, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen“, sagt der Werbefachmann. Obendrein ist durch die internationale Arbeitsteilung „natürlich auch die Auftragsabwicklung noch schneller geworden“.

Vorteile wie diese haben dafür gesorgt, dass Netzwerke wie commworld Konjunktur haben. Die praktischen Erfahrungen lassen sich auch in wissenschaftlichen Studien nachweisen, nach denen Unternehmenskooperationen „eine ernsthafte Strategie-Alternative“ sind. Sie steigern die Wettbewerbsfähigkeit deutlich und ermöglichen es den mittelständischen Unternehmen, „auf den wachsenden Weltmärkten verstärkt gegenüber der übermächtigen Konkurrenz der Großunternehmen agieren“ zu können, heißt es beispielsweise in einer Dissertation, die an der Universität St. Gallen entstanden ist.

Auch die Politik versucht verstärkt, den Unternehmen die Bildung von und die Teilnahme an Netzwerken mit Fördermitteln schmackhaft zu machen. So sind Netzwerke zum Beispiel von Unternehmen mit Forschungseinrichtungen nötig, um durch das EU-NRW Ziel2-Programm gefördert zu werden. Ab 2009 stellt auch das Bundeswirtschaftsministerium im neuen „Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand“ (ZIM) Fördermittel für Netzwerkprojekte in Aussicht. Das Programm fußt auf den Erfahrungen, die mit Netzwerken in Ostdeutschland gemacht wurden.

Kompetenznetzwerke gelten den Organisatoren der Fachmesse „net’swork“, die im November 2008 bereits zum fünften Mal in Bad Salzuflen stattfand, sogar als „Spitze des Eisbergs einer Entwicklung von wachsender Kooperation und Vernetzung in Wissenschaft und Wirtschaft“. Für Norbert Walter, Geschäftsführer Deutsche Bank Research, ist eine neue offenere Kooperationskultur in Deutschland Grundbedingung, um in Bezug auf Spitzentechnologien wieder Boden gegenüber der internationalen Konkurrenz gut zu machen.

Das Netz der Netze

Neben der Globalisierung sorgt vor allem das Netz der Netze für einen neuen Netzwerkschub. Das Internet beschleunigt sämtliche Prozesse in der Wirtschaft und erhöht den Druck auf mittelständische Unternehmen, mit dem rasanten Wandel Schritt zu halten. Gleichzeitig ist es – nomen est omen - das ideale Werkzeug zum Bau von Beziehungsgeflechten. Virtuelle Netzwerke wie facebook oder Xing werden derzeit noch hauptsächlich für die persönliche berufliche Karriere genutzt, spielen aber für den Erfolg ganzer Unternehmen eine zunehmende Rolle. Das Internet gewährleistet schnellen Kontakt weltweit und bietet ein effizientes Wissensmanagement.

„Gemeinsam sind wir stärker“ – das steht bei fast allen Netzwerken als Motivation und größter Vorteil weiter im Vordergrund. Gemeinsam zu forschen beispielsweise, das machen die Großunternehmen schon lange vor, bringt schnellere oder bessere Ergebnisse und ist darüber hinaus auch noch deutlich kostengünstiger.

Gerade kleine und mittelständische Unternehmen können durch die Bildung von Netzwerken die Schlagkraft erhöhen und ihre Kompetenzen ergänzen, wenn es darum geht, größere Aufträge zu bekommen und wie gewünscht „alles aus einer Hand“ zu liefern. Das ist der Hintergrund des Netzwerks „Haushaltsnaher Dienstleister“, das die IHK Nord Westfalen derzeit auf die Beine stellt, um diese „von Einzelkämpfern geprägte und in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung unterschätzte Branche zu stärken“, sagte IHK-Referentin Martha Rabeler-Freise. Ein Instrument dafür ist die Kooperationsbörse im Internet. Hier finden die Unternehmen Partner, mit denen sie sich zusammentun können, um sinnvolle Ergänzungen des erforderlichen Kompetenzspektrums zu verwirklichen.

Die IHK Nord Westfalen bietet beste Voraussetzungen für die Gründung und den Betrieb von Unternehmensnetzwerken. Schließlich ist die IHK selbst „das stärkste flächendeckende Netzwerk für die Wirtschaft“, betont IHK-Hauptgeschäftsführer Karl-Friedrich Schulte-Uebbing. Egal, ob es darum geht, die grundlegenden Interessen der nord-westfälischen Wirtschaft in Düsseldorf, Berlin oder Brüssel zu vertreten oder die des lokalen Gewerbes in einer der 78 Kommunen des IHK-Bezirks – das Netzwerk der IHK Nord Westfalen über die bundesweit 81 IHKs und den Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) in Berlin und Brüssel funktioniert. Nimmt man die Auslandshandelskammern hinzu, umspannt das Netzwerk sogar den gesamten Globus.

Netzwerken mit der IHK 

Doch beim Netzwerken in der IHK geht es nicht nur um die wirksame gemeinsame wirtschaftspolitische Interessenvertretung, sondern auch um ganz pragmatische Hilfestellungen, wie etwa den Aufbau eines Vertriebsnetzes im Ausland. Da hilft nicht nur die konkrete Dienstleistung der Außenwirtschaftsabteilung, die Adressen aus dem Ausland liefert, sondern vor allem der regelmäßige Erfahrungsaustausch der größten Exportunternehmen. Diesen mehr oder minder lockeren Erfahrungsaustausch gibt es für viele wichtige Fachthemen der Unternehmen, angefangen vom Arbeitskreis der Personalchefs führender Unternehmen über den Arbeitskreis Gefahrgut bis hin zum Netzwerk Logistik, in dem über 70 Transportunternehmen ihre Erfahrungen austauschen. Daraus wird immer mehr.

Einen deutlichen Schritt weiter in Richtung echtes Unternehmernetzwerk geht das IT-Forum Nord Westfalen, das ebenfalls unter dem Dach der IHK entstanden ist. Die rund 35 IT-Dienstleistungsfirmen, die seit rund drei Jahren bereits in einem lockeren Netzwerk kooperieren, planen eine völlige neue Qualität der Zusammenarbeit. Obwohl sie größtenteils Konkurrenten sind, wollen die Mitglieder ihr Innovationsmanagement zukünftig womöglich gemeinsam betreiben. „Das wäre eine hochaktuelle Form der Unternehmensentwicklung", so Cornelia Gaebert, die derzeitige Vorsitzende des IT-Forums von der INDAL OHG in Münster. Open Innovation nennt sich dieser Trend zur stärkeren Offenlegung interner Betriebskenntnisse bei gleichzeitig verstärkter Nutzung von externem Wissen, etwa von Lieferanten, Kunden oder von Wissenschaftlern. Dadurch, so die Meinung von Fachleuten, lässt sich sowohl die Qualität als auch die Geschwindigkeit von Innovationsprozessen steigern.

Chancen und Risiken

Genau diese Offenlegung von internem Betriebs-Know-how aber ist gerade für viele mittelständische Firmen eine der Hemmschwellen, über die sie nicht gehen wollen. Denn natürlich ist ein echtes Netzwerk auch mit Risiken verbunden. Darauf weist Klaus Möller in seinem Buch „Wertschöpfung in Netzwerken“ hin, in dem er sauber zwischen den vielen Vor- und Nachteilen abwägt. Als besonders kritische Phasen sieht er die Startphase des Netzwerks, in der die Angst vor unkontrolliertem Wissensabfluss bis hin zur Betriebsspionage sowie vor der Dominanz stärkerer Partner schnell das Ende einläuten können, bevor das Netzwerk überhaupt richtig gestartet ist. Auch die zunächst steigenden Koordinationskosten und die Beschränkungen, die sich aus den notwendigen Regeln des Miteinanders ergeben, sind nicht jedermanns Sache, schon gar nicht im Mittelstand. Deshalb bleibt von manchem Netzwerk im besten Fall nicht mehr als das Weiterbestehen letztendlich sogar unproduktiver Beziehungen, in denen man sich womöglich gar verheddert.

„Ein (Unternehmens-)Netzwerk ist nicht automatisch die beste Alternative“, schreibt Möller. Er empfiehlt, frühzeitig eine klare Zielposition und Strategie zu formulieren, die zusammen mit klaren Anforderungen sowie übereinstimmenden Wertvorstellungen die Grundlage der Zusammenarbeit bilden können. Letztendlich kommt es also auch im Internetzeitalter wieder auf die Menschen an, die im Netzwerk agieren. Darauf, ob sie völlig offen und mit großem Vertrauen zusammenarbeiten und kommunizieren oder in der Deckung bleiben, abwarten, was die anderen beisteuern. Wenn die Bedingungen jedoch stimmen, so Möllers Fazit, lohnt es sich, dann „ist das Netzwerk mehr als die Summe seiner Teile – und schafft damit die Voraussetzungen für den unternehmerischen Erfolg jedes Einzelnen“.

Guido Krüdewagen

Literaturtipp:
Wertschöpfung in Netzwerken
von Klaus Möller; Verlag Vahlen München 2006, 271 Seiten, ISBN 978-3800633265, 60 Euro

 

 

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